#18 Zugreise nach Taipei, die wilde Ostküste & die Tränen des Liebhabers
Der Himmel öffnet die Schleusen.
Ausgerechnet am Morgen meiner Abreise von Liuqiu Island.
Ich fluche.
Auf Blümchen, meinem betagten Insel-Miet-Scooter, muss ich mich jetzt verlassen, ein weiteres, ein letztes Mal - und das unter Extrembedingungen.Mit meinem Mikrofaser-Reisehandtuch wische ich den Sitz trocken, dieses lieblich-schreckliche, rosafarbene Blümchen-Muster mit ranzigem Plastikbezug. Das Ergebnis stellt mich erstmal zufrieden. Beim Beladen dann, mit meinen 23kg und 12kg schweren Rucksäcken, bewundere ich noch Blümchens alte Reifen, mit diesem völlig runtergefahrenen Profil. Das Gummi erinnert eher an extra glatte Slicks für eine Rennstrecke, als an eine sichere Schlechtwetter-Option für die regennassen Straßen von Liuquiu.
Trotz allem - ich muss diese Fähre kriegen. Und das weiß Blümchen hoffentlich auch.
Die Nässe und die Überladung kann uns dann tatsächlich nicht ins Schlittern bringen, als wir uns im Regen die glitschigen Hügel hinunter zum kleinen Hafen der Insel schlängeln. Erleichtert und ein wenig wehmütig verabschiede ich mich von Blümchen - und von Liuqiu - und so geht es dann 30 Minuten mit der Fähre zurück nach Donggang, mit dem Taxi zum nahe gelegenen Bahnhof Chaozhou und ab hier startet dann endlich meine Taiwan-Zugreise.
Und auch das Wetter passt jetzt!Bahnhofsvorplatz in Taiwan. Saubere Sache.
Wie alles in Taiwan ist auch das Zugfahren trotz chinesischen Schriftzeichen super easy. Ich bin viel zu früh am Bahnhof und kann sogar ohne Aufpreis mein online gebuchtes Zugticket mit Zugbindung umtauschen. Ich muss kurz an die Deutsche Bahn denken. Wie so oft, wenn ich mit dem Zug in anderen Ländern unterwegs bin. Auf Schienen geht es von Chaozhou erst noch etwas weiter südlich an der von der Industrie geprägten Westküste entlang, dann aber in einem Bogen in östliche Richtung und durch den Ausläufer der zentralen Bergkette bis hin zur dünner besiedelten Ostküste und von hier dann in nördliche Richtung.Fähre auf’s taiwanesische Festland, Taxi zum Bahnhof, mit dem Zug nach Norden.
Die Bahnstrecke führt zunächst wieder direkt am Meer entlang, wir passieren dabei auch einige Siedlungen, Dawu, Longxi, Jinlun und das größere Taitung. Ab Taitung führt die Strecke dann wieder etwas mehr durch das Hinterland, mit Bergen auf der linken wie rechten Seite.
Ich stelle fest, dass die Landschaft reizvoller wird, je weiter nördlich wir kommen. Das freut mich, denn bei der Recherche und Planung der Reise fiel es mir schwer, reizvolle Zwischenstopps in der ersten Hälfte der Bahnstrecke zu finden. Vermutlich hatte ich also die richtige Entscheidung getroffen, als ich mich gegen mehrere Stopover hier im Süd-Osten entschied, und dafür mehr Zeit bei den nördlicheren Halten.Das Recherchieren, das Abwägen, das Treffen von Entscheidungen über das Investment von Reisezeit und -Budget ist ein ganz zentrales und auch zeitschluckendes Prozedere auf einer verrückten Reise wie dieser. Oft macht mir das sehr viel Spaß und geht auch leicht von der Hand. Manchmal aber weniger, vor allem wenn ich mich in das nächste oder gar übernächste Land hineinversetzen muss, um entsprechend sinnvoll zu planen.
Oft plane ich aber auch gar nichts für eine Reise-Station, oder ziehe einen alten Plan aus der Schublade - so wie diesen hier, der Trip mit dem Zug entlang der Ostküste Taiwans, der schon ein paar Jahre in der Schublade schlummert.Meersalz-Limetten-Drink im Zug. Gar nicht mal so übel!
Hätte ich jetzt allgemein mehr Zeit für meine Taiwanreise gehabt und hätte auch die Jahreszeit gepasst, dann wäre ich bestimmt von Taitung aus mit der Fähre auf die vorgelagerten Inseln gefahren. So sah es der ursprüngliche Plan jedenfalls vor.
Doch die Realität ist nun eben eine andere und das Erforschen dieser Inseln, ob über oder unter Wasser, passt nicht in meinen aktuellen Plan. So sehe ich also die berüchtigte Lü Dao (ehemalige Gefängnis-Insel) nur in der Ferne vorbeiziehen, als der Zug entlang der Küste Richtung Norden rattert. Nun ja, dann bleibt Lü Dao und die etwas südlicher gelegene Orchideen-Insel eben weiterhin auf meiner Taiwan Bucket-List.
Der Blick aus dem Zugfenster, auf der rechten Seite, auf das Meer und diese Inseln, steht also für meine Taiwanesische Reise-Zukunft. Und auf der anderen Seite, links, da rauscht eine Bergkette vorbei - und mit ihr, auch ein legendärer Teil meiner Taiwanesischen Reise-Vergangenheit.
Ich muss grinsen, denn links und rechts, das war damals auch ein zentrales Thema.
Diese Bergkette wird Central Mountain Range genannt, die zentrale Bergkette. Und irgendwo dort, vielleicht auch in der Kette dahinter, hatte ich vor Jahren mal in einem Baumhaus übernachtet, weit oben in den Bergen, irgendwo zwischen Teefeldern, Bambuswäldern, inmitten der Bergwelt. Und eines Nachts, da fand ich mich plötzlich in einer Gruppe von Taiwanesischen Opas wieder, die im Wald saßen und selbstgebrannten Reisschnaps tranken. Sie waren total stolz auf dieses Zeug und da konnte ich natürlich nicht ablehnen, als ich eingeladen wurde.
Au weia - denn leider saßen wir auch noch an der Quelle.
Hier, von diesem verwucherten Grundstück im taiwanesischen Bergwald, da kam dieses illegale Zeug nämlich her. Vielleicht wurde es sogar heimlich hier gebrannt, aber anscheinend noch wichtiger war, dass es hier flaschenweise in einen Bachlauf gestellt wurde, genauer gesagt in ein Becken, das mit Wasser gefüllt wurde, das direkt aus der Felswand kam. Und dieses besondere Wasser, in diesem Becken mit Abfluss, so wurde mir per Übersetzungsapp mitgeteilt, dreht sich linksrum. Oder rechtsrum. So genau weiß ich das nicht mehr, aber so oder so, es soll einen positiven Effekt auf den Fusel gehabt haben. Optimierte Umdrehungen, sozusagen.
Lokale Taiwanesische Brenner (legal oder illegal) schwören wohl auf die Richtung des Wasserwirbels, in dem der Schnaps gelagert wird – ein Mix aus Volksglauben, Taoismus und altem Brauwissen:
- Links-drehend, also gegen den Uhrzeigersinn:
gilt als „yin“ (weiblich, kühlend, passiv)
- Rechts-drehend, also im Uhrzeigersinn:
gilt als „yang“ (männlich, wärmend, aktiv)
Außerdem soll die Drehrichtung den Energiefluss („Qi") beeinflussen, wodurch Geschmack und Wirkung verbessert werden, wenn es sich links oder rechtsrum dreht. So genau weiß ich die Richtung nicht mehr. Schwer zu sagen, was wirklich besser ist, links- oder rechtsrum.
Jedenfalls, was ich sicher bestätigen kann, es drehte sich an diesem Abend so Einiges, und zwar in alle Richtungen. Und ich bin damals sehr froh gewesen, dass ich diese klapprige Treppe in mein Baumhaus unbeschadet erklimmen konnte. Keine schöne Nacht, aber jetzt natürlich eine schöne Erinnerung!
Schnitt. Zurück ins Hier-und-jetzt. Und ganz ohne Schnaps: Mein erster Stopp nach knapp vierstündiger, sehr angenehmer Zugfahrt ist schließlich die Kleinstadt Hualien, in der Nähe der spektakulären Taroko-Schlucht gelegen, 110.000 Einwohner.Auf der linken Seite die Bergketten, auf der rechten das Meer: vielseitiges Taiwan!
Doch bevor gewandert wird, zieht es mich am ersten Abend erstmal auf den Night Market, auf den Dongdamen, zentral in der Stadt gelegen und nur wenige Meter vom Meer entfernt.
Die Nachtmärkte sind in Taiwan Treffpunkte des Alltagslebens. Familien, Freunde, Paare und Touristen kommen abends zusammen, um zu essen, zu reden und Zeit zu verbringen. Eben wie Marktplätze zu früheren Zeiten und das eben abends oder nachts. Gefühlte Gemeinschaft entsteht hier schnell und man kommt in Kontakt mit den Locals.
Taiwans Nachtmärkte gelten auch als Wiege des Street Foods. Viele landesweit bekannte Gerichte stammen von hier. Ich schlendere umher und staune nicht schlecht - viele der Gemüsesorten habe ich noch nie gesehen. Und die meisten Stände präsentieren die Waren wirklich spektakulär. Es ist schon ein Genuss, selbst wenn man erstmal nur herum schaut.…okay, also DAS sieht aber schon etwas merkwürdig aus. Was das wohl ist??
…ahh natürlich - “Tränen des Liebhabers”: Blaualgen mit der Konsistenz von Mu-Err—Pilzen. (?!?)
Die Tränen des Liebhabers interessieren mich jetzt - oder besser gesagt, die Blaualgen.
Blaualgen kennt man in Deutschland eher im Zusammenhang mit Badeseen und da sollte man die Blaualgen eher meiden, weil gefährlich - und keinesfalls essen!
Ich recherchiere etwas. Und tatsächlich: Diese Blaualgen (Cyanobakterien-Alge) sind biologisch verwandt mit den gefährlichen Blaualgen aus den deutschen Seen und sie werden hier in Taiwan gerne gegessen: mariniert oder kurz angebraten, als Beilage zu Reis. Der Geschmack soll mild sein, leicht erdig und die Textur glitschig-knackig.
Diese Algen wachsen an Land (deshalb "terrestrisch") und nur nach starkem Regen. Trocken schrumpfen sie zusammen zu dunklen Flocken und quellen bei Wasseraufnahme wieder auf. Daher wohl die Assoziation mit Tränen, die plötzlich erscheinen und wieder verschwinden.
Hmm, ich kann mich für diese Delikatesse spontan nicht erwärmen - und so suche weiter nach meinem Abendessen auf dem Dongdamen Night Market. Irgendetwas anderes, irgendetwas kulinarisch Besonderes, wird es schon geben!
Da bin ich bin zuversichtlich - und atme tief ein. Taiwan riecht ganz speziell. In fast jedem Convenience-Store werden Hühnereier in Tee und Gewürzen gekocht und das hat einen ganz eigenen, unverwechselbaren Touch, eine Art "Signature Geruch Taiwan". Und auch auf den Märkten riecht es ganz typisch, schwer in Worte zu fassen, aber meine Begeisterung steigt!
Vieles in Taiwan wirkt chinesisch, natürlich, aber auch etwas japanisch und manchmal gar irgendwie europäisch. Der Mix ist aufregend und macht mir immer sehr viel Spaß. Hier auf dem Night Market in Hualien, so fühlt es sich an, kommt wieder mal alles zusammen. Ich schlendere weiter und kehre ein paar Stände neben diesem spektakulären Gemüse-Stand in eine Garküche ein. Ich setze mich auf einen klapprigen Plastikstuhl in eine Art Food Court, der mit Zeltplanen vor dem Regen geschützt wird.
Ich schaue umher und stelle fest: Das hier ist kein romantischer Ort und auch nicht sehr ästhetisch, sondern eher funktional. Aber das macht nichts. Denn ich freue mich sehr auf das Taiwanesische Markt-Essen, das ich mir gleich bestellen werde.
Ich liebe die taiwanesische Küche!Nur eins, eins kann ich wirklich überhaupt nicht ab in Taiwan.
Und das ist der Stinky Tofu, "Chou Doufu".
Der Stinky Tofu ist leider eine sehr beliebte Spezialität und es wird sicherlich in Taiwan kaum einen Nachtmarkt geben ohne ihn.
Das Problem ist, dass es mir sofort den Magen umdreht wenn ich diesen Tofu rieche. Sonst bin ich eigentlich wenig zimperlich, aber dieser süßliche, dieser altsockige, dieser kotzige, dieser fermentierte Geruch... ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, obwohl ich schon oft in Taiwan war.
Jetzt sitze ich hier in dieser Garküche auf dem Dongdamen in Hualien und da passiert es: Ein Hauch Stinky Tofu weht zu mir rüber und mich schüttelt es. Es riecht so widerwärtig, dass dieser Gestank mir fast meine Froschsuppe verdorben hätte.
Aber zum Glück ist die stinkige Böe schnell vorbei und ich kann mich auf diese exzellente Suppe aus der Garküche konzentrieren.Vorzügliche und traditionelle taiwanesische Ochsenfroschsuppe. Guten!
Doch selbstverständlich bin ich nicht aus kulinarischen Gründen hier nach Hualien gekommen, sondern aus petrografischen.
Oder, mit anderen Worten, nicht wegen der Froschsuppe, sondern wegen dem Marmor.
Denn der kommt aus der nahe gelegenen Taroko-Schlucht, der größten Marmor-Schlucht der Welt, und die möchte ich mir gerne mal genauer anschauen.
Der verarbeitete Marmor ist hier in der Stadt wirklich überall zu finden, in unterschiedlichsten Formen und Farben. Halb Hualien ist damit gepflastert - auch noch mit dem auf Hochglanz poliertem Zeug - das fällt mir sofort auf.
Und schnell bin ich mir auch sicher: Sieht schön aus, ist aber totaler Quatsch!
Mein Verständnis von Ästhetik ist nicht, wie etwas aussieht, sondern wie etwas aussieht UND wie es funktioniert. Ästhetik ist mehr als Aussehen, da bin ich mir sicher. Ich schüttele meinen regennassen Kopf, ästhetisch unterwegs bin ich jedenfalls auf keinen Fall!
Fast hätte es mich mit meinem Backpack der Läge nach hier auf dem spiegelglatten Marmor-Gehweg hingehauen. Ich schlittere, wanke, fange mich, schlittere wieder, taumele, gewinne wieder die Kontrolle, zum Preis einer wahrscheinlich gezerrte Leiste.In Deutschland fallen 830 mm Niederschlag im Jahr. In Hualien sind es 4282 mm, also fünf mal so viel - und einige davon prasseln gerade auf mich herunter. Ich wage einen weiteren Schritt mit meinen profillosen Sneakern auf diesem glitschigen Marmor und bin mir sicher:
Jedes Glatteis hat mehr Grip als dieser Hualien-Marmor!
Nachdem ich mehrere Regentage halb schlitternd halb staksend die Stadt erkundet habe, bin ich mir zudem sicher, dass bei der Stadtplanung die orthopädische Innung von Hualien einige Lobbyisten platziert haben muss. Anders ist mir das Stadtbild nicht zu erklären.Schwarz, gelb oder weiß? Wie sollen die Hühnchenfüße heute sein?
Das Stadtbild umfasst glücklicherweise nicht nur Marmor, sondern auch andere Highlights, den Hualien Martyrs' Shrine beispielsweise. Er ist kein Tempel im religiösen Sinn, sondern ein Märtyrer-Schrein, gewidmet gefallenen Soldaten und Nationalhelden Taiwans.Aber trotz Dauerregen schaffe ich es nach ein paar entspannten Tagen mit ein bisschen Sightseeing schließlich unbeschadet aus der Stadt heraus, nehme den Zug nach Xingcheng, bunkere meinen Hauptrucksack unkompliziert in einem großen Schließfach am Bahnhof, und nehme die letzten paar Meter den Bus in die Taroko-Schlucht. Mal schauen wie mir der Marmor hier, sozusagen in freier Wildbahn, gefällt. Immerhin regnet es heute auch nicht.
Und sofort wird mir klar: Die Taroko-Schlucht ist der Knaller!
Vom Bahnhof nehme ich den ganz normalen Linienbus 302. Und schon allein die Busfahrt hinein, stromaufwärts am Liwu River entlang, ist spektakulär. Die Straße windet sich immer tiefer in die Schlucht, es geht dabei auch durch unzählige Tunnel und enge Kurven und immer wieder öffnen sich sagenhafte Blicke steil hinunter auf das türkisblau des Flusses, in Kontrast stehend zum weißen Marmor der Steilwände, die ihres Gleichen suchen. Ja, Taroko ist wirklich klasse und das hier ist die vielleicht spektakulärste Linienbusfahrt meines Lebens! Ich bin fast ein wenig enttäuscht, dass die Reise nach etwa 30 Minuten vorbei ist, ich steige aus an der zentralen Bushaltestelle, die in einer riesigen Felshöhle liegt, und begebe mich auf den "Tunnel of Nine Turns" Trail.Bushaltestelle Taroko: Halb Höhle, halb Schnellstraße, viel Berg und etwas Schlucht
Zwei Learnings habe ich sofort: Jetzt wird es noch spektakulärer, aber leider ist das hier kein natürlicher Trail, sondern eine ehemalige Straße, die nun von Ausflüglern zu Fuß genutzt wird. Atmosphärisch entsprechend nicht ganz so wertvoll. Macht aber nichts, ich bin trotzdem happy und schieße ein paar Fotos, bestaune die Laune der Natur, die sich hier durch verschiedene Formen und Farben der Marmorsteilwände ausdrückt.
Im Taroko Nationalpark gibt es auch echte Trails, zum richtigen Wandern, für ein paar benötigt man sogar eine Genehmigung, bei einigen besteht Helmpflicht. Wenn ich mir die steilen Felswände so anschaue, macht das sicherlich Sinn.Den ein oder anderen spannenden Trail hatte ich mir vorgenommen, allerdings schüttete es die letzten Tage wie aus Eimern und so entschied ich mich gegen diese Abenteuer und blieb stattdessen in der Stadt. Einige Trails waren sogar aufgrund des Wetters gesperrt. Und nun, am Tag meiner Abreise aus Hualien, ist das Wetter zwar endlich besser, aber da ich heute noch weiter reisen möchte, wähle ich die kleine Variante, schaue mir lediglich den leicht zugänglichen Teil der Schlucht an und den "Schrein des ewigen Frühlings", den Changchun Shrine, mit seinem schicken Wasserfall.Der Besuch der Taroko-Schlucht jund des Tempels ist ein sehr guter Abschluss meiner Zeit in Hualien. Aus den Bergen geht es mit dem Bus zurück, direkt zum Bahnhof, wo mein schwerer Reiserucksack im Schließfach wartet. Auf geht's, weiter mit dem Zug, weiter die Küste hinauf, nach Norden!Zugfahrt Hualien nach Yilan: Fast in Sichtweite die Insel Yonaguni - die westlichste Insel Japans.
Yilan, am Lanyang Fluss gelegen, ist der nächste Zwischenstopp meiner Bahnreise. Diese nordöstliche Region ist besonders bekannt für ihre fruchtbaren Felder - und heiße Quellen.
Ich checke in einem Hotel ein, dass zu meiner Freude nicht nur über einen ausladenden Büroraum verfügt (wo ich in Ruhe weitere Reiseschritte plane), sondern auch über Privat-Onsen. Also eine heiße Quellen im Hotel-Badezimmer.Das ist natürlich kein Zufall, denn genau deshalb mache ich diesen Zwischenstopp, wegen der Privat-Onsen-Hotels.
Und es ist wirklich mehr als entspannend - nachdem ich die richtige Funktion der verschiedenen Wasserzuführungen entschlüsselt habe. Ich entscheide mich für die "Original Suppe" und werde nicht enttäuscht! Netflix im Privat-Onsen. Das Leben ist schön!Hinweisschild am Wasserhahn. Was das wohl bedeutet?
Ah, natürlich! Warum also nicht?!
Nach ein paar entspannenden Tagen Yilan geht es dann mit dem Zug weiter in die Hauptstadt Taiwans - weltweit eine meiner absoluten Lieblingsstädte! Sie bedeutet für mich urbane, asiatische Intensität - ganz ohne Stress.
Taipei!
Es ist einfach total entspannt in dieser Stadt herumzuschlendern, eine Stadt, die eigentlich eine Megacity ist.
Immerhin wohnen 4 Millionen Menschen hier - und wenn man den Großraum dazu nimmt, sind es doppelt so viele.
In Taipei unterwegs zu sein bedeutet, dass alles funktioniert, dass die Menschen freundlich und hilfsbereit sind. Und wenn man auf Einheimische trifft, ist der Umgang meist höflich, und weniger distanziert (so wie ich es in Seoul erleben musste und auch in Tokio wahrzunehmen ist). Alles wirkt modern, weltoffen und einfach total entspannt im Alltag.
Irgendwie fühlt sich die Stadt für mich auch etwas europäisch an. Vielleicht liegt es an den Bäckereien mit frischen Brot-Produkten. (Frische Brot-Produkte herzustellen ist in Asien anscheinend eine Insel-Begabung.) Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Taipei eine Fußgänger-freundliche Stadt ist. Auch das ist in Asien nicht unbedingt selbstverständlich. Ich beiße in ein glasiertes Schoko-Croissant und genieße diesen hervorragenden Bäckerei-Shop. Vielleicht ist es auch diese Cafe-Kultur, die mich an Europa erinnert, oder aber die vielen Parks in der Stadt, die zum Verweilen einladen. In den Morgenstunden sind die Parks auch Versammlungsort für die Rentner-Gruppen, die hier Tai Chi, Qigong oder andere Leibesübungen machen.
Als ich in der Stadt ankomme, sehe ich nicht nur einen Roller, der ein paar Sittiche in einer transparenten Box spazieren fährt, sondern auch eine steinalte Oma, die sich anschickt, eine mehrspurige Straße zu überqueren. Leider ist sie zu langsam, beziehungsweise ist ganz offensichtlich die Ampel zu schnell. Ich laufe der Oma entgegen, drehe auf Dreiviertel meines Wegs um und begleite sie im Schneckentempo, zurück in die Richtung, aus der ich gerade kam. Dabei signalisiere ich den Autos zu warten - und so schlendern wir beide schweigend im Schneckentempo über die Spuren der Straße. Kein Auto wagt es, die Haltelinie trotz grüner Ampel zu verlassen. Niemand hupt. Menschen zücken ihre Handys, filmen diese Situation, ich lächele verlegen, die Oma kriegt davon nicht viel mit, sie konzentriert sich auf die Koordination ihrer Füße. Ohne Worte oder Gesten trennt sich unser Weg auf dem Bürgersteig wieder. Ich bin ihr deshalb nicht böse, ein "Xie Xie" als Belohnung war nicht nötig. Schön war das!Und vielleicht konnte ich Teipei mit dieser kleinen Geste etwas zurückgeben, von dieser positiven Energie, die ich hier schon oft aufgesaugt habe und auch jetzt wieder aufsauge. Ich schwebe durch den Tag.
Jedes Mal, wenn ich in der Stadt bin, zieht es mich an einem späten Nachmittag zum Elephant Mountain. Das ist natürlich sehr touristisch, aber ich mag einfach diee fast feierliche Stimmung bei Sonnenuntergang. Elephant Mountain ist eine kurze Wanderung von der MRT Station Xiangshan entfernt. Es geht steil nach oben, 600 Treppenstufen warten auf einen - und mindestens so viele Mücken. Doch all das sollte man ertragen, man wird nämlich belohnt mit dem wahrscheinlich besten Blick auf die Stadt und natürlich dem Taipei 101, dem bekanntesten Landmark der Stadt - und vielleicht ganz Taiwans!
Auch bei diesem Besuch zieht es mich hierhin und auch dieses Mal werde ich nicht enttäuscht vom Sonnenuntergang und der Blue Hour. Als ich noch auf das perfekte Licht für meine Skyline-Aufnahme warte, bekomme ich tierischen Besuch. Zwar kein Elefant, wie der Name es hier vermuten könnte, aber immerhin von einer Gottesanbeterin, die wohl in Taiwan garnicht mal so selten sind.Ich genieße den Moment, mache einige Fotos, bewundere die glitzernden Lichter der Stadt noch ein wenig - und klettere schließlich die 600 Stufen wieder runter. Die nächsten Touri-Ziele stehen nämlich auf dem Plan!Und auch diese Highlights kann ich sehr empfehlen, und zwar auch dann, wenn man Touri-Massen eigentlich nicht mag:
Der Longshan Tempel und direkt daneben der Huaxi Street Night Market. Die beiden Hotspots liegen nur wenige Meter nebeneinander.
Wenn man nur wenig Zeit in der Stadt hat, dann ist das eine unschlagbare Kombination, um möglichst viel Taipei-Vibe zu erleben.
Ich starte starte mit dem Longshan Tempel, mit seinen reich verzierte Dächern, Drachenfiguren und diesen ganzen Laternen. Tatsächlich ist er einer der ältesten und bekanntesten Tempel Taiwans. Er wurde 1738 von chinesischen Einwanderern erbaut und ist vor allem der Göttin der Barmherzigkeit gewidmet. Der Longshan verbindet buddhistische, taoistische und volkstümliche Glaubensrichtungen und ist bis heute ein lebendiger Ort des Gebets, nicht nur eine Touristenattraktion.Und natürlich finde ich hier auch eine große Schale mit rot lackierten Holzstückchen, die wie kleine Bananen aussehen. Ich kenne diese Bananen, die eigentlich "Mondblöcke" heißen. Sie dienen den Gläubigen zur Befragung von Gottheiten, also der direkten Kommunikation mit einer spirituellen Instanz im Jenseits.
Und das funktioniert so: Im Diesseits werden zwei Mondblöcke aus der Schale genommen und man sendet gedanklich eine Frage ins Jenseits. Die Mondblöcke werden dann auf den Boden des Tempels geworfen.
Und jetzt wird's wichtig - man muss sich genau anschauen, wie die beiden Mondblöcke gefallen sind.
Oder sollte ich eher sagen "wie sie gefallen wurden"?
Denn das Jenseits mischt hier bei der Physik mit, es kommt zur transzendentalen Kommunikation und die Rückkopplung aus dem Jenseits wird durch die Position der gefallenen Mondblöcke im Diesseits repräsentiert. Klingt kompliziert, ist es aber eigentlich nicht!
Das Ergebnis:
- Liegt ein Block auf der Seite und einer steht Bananen-förmig,
bedeutet die Antwort der Götter "Ja."
- Liegen beide flach auf der Seite
heißt die Antwort "Nein".
- stehen beide Bananen-förmig,
heißt die Antwort ist "Unklar" - oder man muss eben noch einmal werfen.
Bei meinem letzten Besuch in Taiwan hatte ich die Mondblöcke in einem Tempel ausprobiert, aber die Antwort - die ich damals mit großer Freude angenommen hatte - hatte sich im Nachgang leider nicht in belastbare Realität gewandelt.
Seitdem war ich etwas verschnupft wegen dieser Mondblöcke und ihrer Performance.
Aber tatsächlich, der eigentliche Grund, warum ich die Mondblöcke dieses Mal nicht nutze, ist ein anderer: Damals auf meiner Reise war ich etwas unreflektiert und wollte es zum Spaß ausprobieren, warum auch nicht?!
Allerdings, so denke ich heute, folge ich ja weder buddhistischen, taoistischen oder chinesischen volkstümlichen Glaubensrichtungen. Von daher wäre ein Nutzen dieses Rituals wohl eher respektlos. Vielleicht auch den Gottheiten gegenüber, mit denen möchte man es sich im Zweifel ja nicht verscherzen, aber mindestens den Gläubigen gegenüber, die hier den Longshan Tempel und dieses Ritual, in ihren Alltag integrieren.
Nein, dies hier ist nicht Disney World und die Mondblöcke sind kein Kirmes-Spiel. Das hier ist eine heilige Stätte - und so lasse ich die Mondblöcke dieses Mal respektvoll unangetastet. Fotos von ihnen und dem Tempel zu machen, muss reichen.
Und auch hier - um im Bild zu bleiben - werden sich die Geister wohl scheiden, ob nicht selbst Fotografieren schon respektlos ist.
Reisen ist eben auch immer eine Gratwanderung, immer ein Abwägen, was man sich leisten kann, und was eher nicht.
Wie sehr ist man störender, unsensibler Touri und wie sehr kann man sich erfolgreich integrieren in Situationen, die man eigentlich nicht einschätzen kann? Wann macht man Rituale mit, wann verzichtet man lieber?
Und wann sollte man die Fotokamera lieber aus lassen?Das Fotografieren von wildfremden Menschen, "Street Photography", ist eine weitere Gratwanderung, eine Entscheidung, die ich auf meiner Reise häufig abwäge. Auf meiner nächsten Station, dem Huaxi Night Market, nur wenige Meter weiter, habe ich etwas weniger Hemmungen, als Gläubige im Tempel zu fotografieren. Es werden hier von den Besuchern viele Fotos und Videos gemacht und auch ich mache ein paar Schnappschüsse, bevor ich mir ein paar gegrillte Taiwanesische Spieße gönne, mit Tintenfisch, Rindersteak und anderen lokalen Leckereien. Ich liebe den Huaxi Street Night Market!Satt und erfüllt lasse ich den letzten Abend in einer hervorragenden Gin Tonic Bar ausklingen.
Danke Taipei - du bist der Hammer!
Aber Taiwan ist natürlich so viel mehr als nur Teipei. Ich könnte noch Einiges erzählen über das Essen, Teezeremonien, atmosphärische Regengüsse, über Wanderungen durch Reisfelder, von einem Roadtrip in die Berge oder entlang der belebten Ostküste, von der historischen Stadt Tainan und über so Vieles mehr.
Aber das sind Reisegeschichten aus der Vergangenheit. Und dies hier ist auch kein Taiwan-Blog, sondern ein Weltreise-Blog. Und deshalb sitze ich schon wieder auf gepackten Koffern, beziehungsweise auf meinem gepackten Backpack.
Denn Tapei und Taiwan waren dieses Mal wirklich nur ein kurzer Stopover.
Auf dem Weg in den asiatischen Süden.
Es geht weiter, es geht auf die Philippinen!
Und wer mich kennt, weiß, dass hier mein Herz schlägt und dass ich dieses Chaos liebe! Manila ruft - und das bedeutet: Aufregende Wochen stehen bevor!
Auf dem Flug von Taipei Richtung Süden sitze ich auf der richtigen Seite. Denn es geht an der Ostküste Taiwans entlang, also dem Landstrich, den ich vor ein paar Tagen in entgegen gesetzter Richtung mit dem Zug gefahren war. Ich lasse meine Zeit Revue passieren - ein perfekter Abschluss!Bye Taiwan - Hello Südostasien
Here we go!
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*Anmerkung zur Taroko-Schlucht:
Nur kurze Zeit nach meinem Besuch in Hualien und der Marmorschlucht kam es genau hier zu einem schlimmen Erdbeben (Stärke 7,3 und das Epizentrum direkt bei Hualien). Es war das stärkste Erdbeben in Taiwan seit 20 Jahren. Massive Felsstürze und Erdrutsche waren die Folge, haben Straßen und Wanderwege zerstört. Mehrere Tunnel und Brücken wurden beschädigt oder blockiert, Häuser beschädigt und Touristen und Arbeiter zeitweise eingeschlossen. Leider gab es auch Todesopfer und mehr als 1000 Menschen wurden verletzt. Der Nationalpark wurde komplett geschlossen.
Die Nachricht schockte mich natürlich, und sie ließ mich wieder erkennen, das so viel am seidenen Faden hängt und man sich auf Reisen auch immer wieder sehenden Auges unsicheren Situationen aussetzt - nicht nur auf Erdbeben bezogen. Meine Reiseroute geht ziemlich genau entlang des pazifischen Feuerrings, und wird auch weiter dem Ring folgen. Weitere Erdbeben sind wahrscheinlich. Ein etwas mulmiges Gefühl begleitet mich.